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globalorganic.net

11. Januar 2002

Kairo

Globalisierung der ganz anderen Art

Die neue Wissensdatenbank globalorganic.net fördert den Ökologischen Landbau weltweit

In Tunesien droht ein unbekannter Schädling

die Jahresernte eines Bauern zu vernichten.

Ein Bauer in Ägypten hatte bereits den selben

Schädling auf seinen Feldern und könnte

Informationen darüber liefern, wie die Ernte

trotzdem gerettet werden kann. Auch

Wissenschaftler oder Landwirte aus Europa

könnten mit ihren Erfahrungen über

pestizidfreie Schädlingsbekämpfung zur

Rettung der Ernte und damit zur

Existenzsicherung des tunesischen Bauern

beitragen. Über die neue Wissensdatenbank

www.globalorganic.net kann dem

tunesischen Bauern jetzt geholfen werden,

denn er kann vom Wissen und den

Erfahrungen all derjenigen profitieren, die

sich mit dem Thema Landwirtschaft und

Handel seit längerem beschäftigen. Egal ob

in der dritten oder ersten Welt! So kann der

tunesische Bauer eine Beschreibung des

zerstörerischen Plagegeists auf die Seiten

des globalorganic.net stellen und weiß

innerhalb kurzer Zeit, was er tun muss, um

ihn von seinen Pflanzen zu vertreiben. Und

wenn seine Ernte erfolgreich war, kann er

sich über das globalorganic.net über

entsprechende Absatzmöglichkeiten

informieren.

Die moderne Informationstechnologie bietet

hierfür die Möglichkeit, denn über das world

wide web lässt sich so ein Wissenstransfer

zwischen verschiedenen Ländern leicht

realisieren. Doch wie bekommen die

Menschen in der dritten Welt vor Ort Zugang

zu dieser Technologie? Diese Frage war der

Ausgangspunkt für ein Projekt, das in der

SEKEM-Initiative in Kairo seinen Anfang nahm

und gemeinsam mit Unternehmen,

Organisationen und Persönlichkeiten der

ersten und dritten Welt umgesetzt wurde: das

globalorganic.net, das Ende November 2001

online ging.

Die Idee für diese internationale

Wissensdatenbank entstand in

Ägypten, als die rund 150 Mitglieder der EBDA

(Verband für biologisch-dynamische

Landwirtschaft in Ägypten) einen

gemeinsamen Web-Auftritt planten. Auslöser

hierfür war der Bedarf nach einer Plattform

zum Erfahrungsaustausch und zum Zugriff auf

Marktinformationen. Die Grundidee dieses

Internet-Auftritts wurde mit dem

globalorganic.net weiterentwickelt mit dem

Ziel, den Informationsaustausch zwischen

den Anbauern, dem Handel und den

Herstellern von ökologischen Produkten zu

fördern und das Wissen all denjenigen zur

Verfügung zu stellen, die mit ökologischem

Anbau und den angrenzenden

Randbereichen zu tun haben.

In der Bevölkerung und zunehmend auch auf

politischer Ebene wächst das Bewusstsein

für die Problematik der industriellen

Landwirtschaft und zugleich die Nachfrage

nach ökologischen Produkten. Mehr als 6 000

Vereinigungen und Organisationen

beschäftigen sich mit dieser Thematik. Aber

jede Organisation tut dies für sich, mit

eigenem Schwerpunkt und oft regional

begrenzt. Das globalorganic.net will hier eine

echte Alternative schaffen. Damit soll zum

einen der ökologische Landbau gefördert und

zum andern Erzeugern und Händler der

dritten Welt neue Märkte in der ersten Welt

erschlossen werden. Zugleich sollen die

Länder der dritten Welt mit dem

globlalorganic.net Zugang zu modernen

Technologien bekommen und das Know-How

erlernen, diese Technologien auch sinnvoll

einzusetzen. Ein gelungenes Beispiel für eine

konkrete Hilfe zur Selbsthilfe.

Zielsetzung und Finanzierung des

globalorganic.net

Wissen sammeln, aufbereiten und verteilen.

Auf diesem alten universitären Gedankengut

beruht die Idee des globalorganic.net. Das

Wissen um die ökologischen Methoden in der

Landwirtschaft – von Planung, Umsetzung,

Anbau, Verarbeitung bis zur Distribution – soll

einer möglichst breiten Gruppe von Bauern,

Verarbeitern, Händlern, Verbrauchern,

Wissenschaftlern und der Forschung zur

Verfügung gestellt werden, um so

Synergieeffekte zu erzeugen und die

ökologische Landwirtschaft weltweit

weiterzuentwickeln.

Doch wie soll der einfache Bauer Zugang zu

diesem Wissen bekommen? Die Lösung für

dieses Problem sind geschulte Berater in Beratungsstellen

vor Ort, die den Bauern zum

Beispiel in Fragen nach einer bestimmten

Käferart helfen und so unter Umständen die

Ernte des um Rat Suchenden retten können.

Aber auch in umgekehrter Richtung können

wichtige Informationen fließen. So verfügen

zum Beispiel die Mitarbeiter auf der SEKEM-

Farm über fundiertes Wissen über pestizidfrei

angebaute Baumwolle. Informationen, die für

interessierte Bauern in Tunesien oder der

Türkei von großer Bedeutung sein können.

Grundgedanke des Geschäftsmodells des

globalorganic.net ist, dass es sich selbst

tragen und damit unabhängig von finanzieller

Unterstützung von außen bleiben soll. Basis

des GON sind deshalb ausschließlich die

Mitgliedsbeiträge. Eine Mitgliedschaft steht

zunächst jedem offen, dabei wird zwischen 3

verschiedenen Kunden- oder

Benutzergruppen unterschieden, der jeweilige

Jahresbeitrag ist gestaffelt nach den

bereitgestellten Dienstleistungen. Die Partner

fördern die Plattform mit einem besonderen

Jahresbeitrag und unterstützen so den

laufenden Betrieb, den Ausbau und die

Weiterentwicklung. Fördermitglied kann jeder

werden, der Jahresbeitrag liegt jeweils im

Ermessen des Einzelnen.

Initiatoren und Mitwirkende am Aufbau des

globalorganic.net

Projektleiter und Mitinitiator des

globalorganic.net ist Klaus Merckens,

Agraringenieur aus Ulm, der bereits seit

vielen Jahren bei SEKEM arbeitet. Er nutzte

seine Verbindungen zu Firmen und

Persönlichkeiten in der alten Heimat, um

dieses Projekt voranzubringen. So konnte er

Folkert Wilken (ehemals technischer

Geschäftsführer der Wilken GmbH, Ulm) als

Berater und Koordinator gewinnen. Dessen

Schwerpunkte sind vor allem

Softwareentwicklung und Consulting, speziell

die Beratung von Startup Unternehmen in der

Softwarebranche. Um den Aufbau der

technischen Infrastruktur kümmert sich die

Ulmer Firma it-businesscare GmbH. Basis

des globalorganic.net ist die Software

webforgroups des österreichischen

Unternehmens Kapsch, einem der

Marktführer in der Informations- und

Kommunikationsindustrie. Die Koordination

der wissenschaftlichen Arbeit übernimmt das

Tropen Netzwerk e.V., eine studentische

Initiative an der Universität Hohenheim. Die

Mitarbeiter dieser Initiative stellen die

relevanten Daten ins Netz und bearbeiten

eingehende Fragen. Ergänzt durch die

Mitarbeit einer internationalen Gruppe von

Wissenschaftlern wird die inhaltliche Qualität

und Relevanz des hier veröffentlichten

Wissens garantiert. Finanzielle Unterstützung

erhält das Projekt von der Ford Stiftung, dem

Verein zur Förderung kultureller Entwicklung

und der SEKEM Initiative. Zu den Partnern

gehören im Moment 12 Organisationen in

Europa und Afrika

Vom 21. – 25. November 2001 wurde das

Projekt globalorganic.net anlässlich einer

internationalen Konferenz unter dem Titel

„Organic Agriculture at the edge of

globalisation“ an der SEKEM Akademie in

Kairo der Weltöffentlichkeit vorgestellt. In dem

5-tägigen Treffen, das von einigen workshops

begleitet war, ging es vor allem um die

künftigen Chancen des Ökologischen

Landbaus in Afrika und der Mittelmeerregion

sowie um den notwendigen Zugang zu

Informationen, um in diesem Bereich auch

wirtschaftlich erfolgreich arbeiten zu können.

Thema war unter anderem das Wasser als

wichtige Ressource für landwirtschaftliche

Entwicklung und die Bedrohung der

Versteppung in den Ländern dieser

Regionen. Als weiteres Thema stand Fairer

Handel unter der Berücksichtigung von

sozialen und kulturellen Aspekten auf der

Tagesordnung.

Zahlreiche Teilnehmer, darunter hochrangige

Vertreter aus Politik und Wirtschaft waren aus

Afrika und dem gesamten Mittelmeerraum

angereist, um sich über diese Themen

auszutauschen und sich dabei auch über das

globalorganic.net zu informieren. In

Workshops hatten die Teilnehmer auch die

Möglichkeit konkrete Schritte wie die

Registrierung oder das Einstellen von

Dokumenten vorzunehmen.

Ausbreitung des Ökologischen Landbaus in

Ägypten – die Erfolgsgeschichte der SEKEM-

Initiative

Blühende Felder inmitten heißer

Wüstensonne: die Erfolgsgeschichte von

SEKEM fußt auf biologisch-dynamischer

Landwirtschaft. Vor gut 20 Jahren erstreckte

sich rund 60 Kilometer nordöstlich von Kairo

nur die endlose, staubig-trockene Wüste von

Bil-beis. Der Ägypter Ibrahim Abouleish hatte

die Vision, aus dieser Einöde ein Stück Land

urbar zu machen. Er kaufte dem Staat 70

Hektar Wüste ab, pflanzte Bäume und ließ

einen Brunnen bohren. Sein Traum war eine

Farm, die biologisch-dynamische

Landwirtschaft betreibt und Grundlage bildet

für vielfältige Entwicklungsaktivitäten.

Heute

ist Abouleishs Traum begehbar und heißt

SEKEM – Sonnenhafte Lebenskraft, eine

Farm mit üppig blühenden Feldern voller

Hibiskus, Mais, Tomaten und Kräuter. In

farmeigenen Labors werden diese Kräuter zu

Heiltees verarbeitet, die unter dem

Markennamen SEKEM und Isis in über 8000

ägyptischen Apotheken verkauft und nach

Europa exportiert werden. Im vergangenen

Jahr erzielte die SEKEM-Gruppe mit 2000

Mitarbeitern einen Umsatz von 35 Millionen

Mark. Wichtigstes Abnehmerland für Produkte

von SEKEM ist Deutschland, in das 70

Prozent aller Exporte geliefert werden.

Insgesamt liegt der Exportanteil bei 45

Prozent. Das Erfolgsrezept SEKEMs ist eine

biologisch-dynamische Bewirtschaftung, die

völlig ohne Kunstdünger und Pestizide

auskommt. Der unermüdlichen

Überzeugungsarbeit von Ibrahim Abouleish

ist zu verdanken, dass sich dieses

Landwirtschaftsmodell schnell ausbreitete.

Über das landwirtschaftliche

Entwicklungsmodell hinaus integriert SEKEM

wirtschaftliche, soziale und kulturelle

Aktivitäten zu einem ganzheitlichen

Entwicklungsimpuls. Für die geistig-kulturelle

Bildung der Beschäftigten, deren Kinder und

der Kinder aus den Dörfern der Gegend

sorgen ein Kindergarten und eine Schule. Im

farmeigenen Bildungsinstitut lernen die

Erwachsenen lesen, schreiben und

handwerklich-künstlerische Fertigkeiten.

Nach der Überzeugung von Ibrahim

Abouleish wird diese Einheit von Lernen und

Arbeiten dem Land Ägypten neue Impulse

geben. Für ihn ein Grund mehr, sein nächstes

Projekt voranzutreiben: eine freie Akademie

für angewandte Kunst und Wissenschaft. Der

erste Bauabschnitt dafür wird gerade errichtet.

Für die medizinische Versorgung wurde

zudem ein Gesundheitszentrum gebaut.

Autor: Brigitte Zingler