

GEA Air Treatment GmbH Zweigniederlassung GEA Happel Klimatechnik
12. September 2005
Macht das Wetter krank?
Erkenntnisse und Spekulationen über Wettereinflüsse
Dörte Dunker
erschienen in GEA-KlimaReport Ausgabe 2/2005 (siehe Link am Textende)
Etwa jeder zweite Bundesbürger leidet darunter, ältere mehr als junge, Frauen mehr als Männer. Die Rede ist vom Wetter. Seinem Einfluss auf den menschlichen Organismus sind Medizin-Meteorologen schon lange auf der Spur. Das Biowetter, Ergebnis vieler Studien, hat sich inzwischen zum festen Bestandteil der Meteorologie gemausert, aber auch zum Zankapfel der Experten: ARD-Wetterfrosch Jörg Kachelmann diffamierte letztes Jahr in der Talkshow „Beckmann“ die medizinmeteorologischen Vorhersagen als „Scharlatanerie“.
Die einen haben Kopfschmerzen, Migräne, Depressionen oder die Operationsnarbe schmerzt mehr als sonst, andere leiden wiederum gar nicht unter Wettereinflüssen. Zu letzteren zählt sich offenbar Jörg Kachelmann, der Wetterbote der ARD. Ob mit oder ohne Actimel, sei dahingestellt. Er erzürnte im Februar 2004 Heerscharen von Zuschauern und Meteorologen, in dem er die Biowetter-Vorhersage als „nicht belegbaren Humbug“ abtat. In der Tat scheint die Relevanz der zahlreichen Studien der letzten 50 Jahre fraglich, da sie überwiegend statistischer Natur sind.
Trotzdem sehen viele Wissenschaftler und Medizin-Meteorologen eine Beziehung zwischen Wetter, Befindlichkeiten, verschlechterten Körperfunktionen oder akuten Schüben einer bestehenden Krankheit als nachgewiesen an.
Drei Wettertypen
Laut Experten passen sich gesunde Menschen ohne Beschwerden dem Wetter an. Reagiert der Körper auf Wärme oder Kälte mit Schwitzen und Frieren, sprechen Experten in diesem Fall von einer normalen Wetterreaktion. Die Wetterfühligkeit hingegen tritt bei Menschen auf, deren vegetatives Nervensystem ohnehin überlastet ist.
Sie reagieren auf Wettereinflüsse besonders sensibel, der Körper kommt mit dem zusätzlichen Stress nicht zurecht und antwortet mit Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit oder Müdigkeit. Als wetterempfindlich stufen Meteorologen Menschen ein, die durch eine Vorerkrankung oder Operation geschwächt sind und deren Beschwerden sich durch den Wettereinfluss verschlechtern.
Bestimmte Auswirkungen auf den Körper sind nach Meinung der Medizin-Meteorologen belegbar. Die Biowetter-Vorhersage dient Patienten und Ärzten als sinnvolle Zusatzinformation. Sie können zusätzliche Risiken besser abschätzen und prophylaktische Maßnahmen einleiten. Nicht umsonst wird zum Beispiel in München bei Föhn auf Operationen möglichst verzichtet. Im Bereich der Prävention und der damit einhergehenden Konditionierung des Körpers spielt das Wetter ebenfalls keine geringe Rolle. Über konkrete Zusammenhänge gibt die medizin-meteorologische Wetterkarte Aufschluss. Erwärmt sich zum Beispiel die Luft deutlich, hat das vor allem auf das Herz-Kreislaufsystem Auswirkungen. Die Gefäße weiten sich und der Blutdruck sinkt; Patienten mit entzündlichen Erkrankungen wie Rheuma spüren diese Auswirkungen.
Besonders belastend: schwüle Hitze
Naht plötzlich eine Kaltluftfront, verengen sich die Gefäße und der Blutdruck steigt. In diesem Fall sind gerade Patienten mit hohem Blutdruck und Asthmatiker die Leidtragenden. Als besonders belastend gilt schwüle Hitze: Bis zu 30 Prozent mehr Arbeits- und Betriebsunfälle werden an solchen Tagen gezählt. Die Unfallrate im Straßenverkehr ist höher als bei Regen oder Schnee. Bei solch ungünstigen Wetterbedingungen kann sich die Reaktionszeit um bis zu 25 Millisekunden verlängern, Sehschärfe und Kontrastwahrnehmung sind ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Auch die Psyche leidet. Wie Paulchen auf der letzten Seite richtig bemerkt, ist zum Beispiel die SAD (Saisonal Abhängige Depressionsform) den meisten Menschen als Winterdepression oder Winterblues ein Begriff. Das Phänomen erscheint allgemein nachvollziehbar.
Schwieriger wird es für Gesunde zu verstehen, warum „ganzjährig“ Depressive am häufigsten im Wonnemonat Mai Selbstmord verüben. Das Paradoxon ist nur ein scheinbares. Die Betroffenen fühlen Dem Biowetter auf der Spur sich im Frühling und Frühsommer besonders unwohl und unglücklich, weil alle gesunden Menschen in dieser Zeit merklich aufleben. Der Kontrast zwischen Krankheit und Gesundheit drängt sich dem Depressiven in dieser Zeit besonders auf, während er sich in der tristen Jahreszeit unter Seinesgleichen wähnt.
Ursachen bis heute Spekulation
Warum Menschen unter dem Wetter so unterschiedlich stark leiden, bleibt ungewiss. Klar ist lediglich, dass Frauen viel häufiger unter dem Wetter leiden als Männer und die Empfindlichkeit mit zunehmendem Alter wächst und sich zudem regional unterscheidet. Eine Theorie banaler Art besagt, dass der Mensch zu viel Zeit in geschlossenen Räumen verbringt und damit verlernt hat, sich äußeren Bedingungen anzupassen. Experten wiederum sehen eine Erklärungsmöglichkeit im Einfluss so genannter Spherics. Das sind elektro-magnetische Wellen, die an Wetterfronten entstehen.
Sie verstärken sich vor allem vor Gewittern. Zwar konnten Forscher den Einfluss von Spherics auf das Nervensystem in Laborexperimenten nachweisen, doch gelang es ihnen nicht, den Zusammenhang zwischen den Symptomen bei Wetterfühligkeit und der elektro-magnetischen Strahlung zu beweisen. Als zweite Ursache der Wetterfühligkeit werden oft niederfrequente Luftdruckschwankungen angeführt.
Experten vermuten, dass die Gefäßwand der Halsschlagader auch kleinste Schwingungen des Luftdrucks registriert und durch einen Reflex die Symptome auslöst. Ein weiterer Faktor, der Wetterfühlige beeinflussen kann, soll außerdem die Stärke der Sonneneinstrahlung sein. Vermutet wird weiterhin, dass erst das Zusammenspiel der einzelnen Wettereinflüsse für Beschwerden sorgt. Die Anmerkung von Volker Faust, Papst der Medizin-Meteorologen, in seinem Buch „Wetter – Klima – menschliche Gesundheit“, 1986, hat augenscheinlich bis heute Gültigkeit: „Man weiß heute viel – im Grunde aber warten die großen Fragen noch immer auf ihre wissenschaftliche Antwort.“ Hilflos ausgeliefert ist die Menschheit dem Wetter nur teilweise. Das beste Mittel, um Beschwerden loszuwerden oder zu mildern, ist die Abhärtung gegen Wetterreize. Spaziergänge bei jedem Wetter wirken günstig auf Körper und Geist.
Auch regelmäßige Saunagänge und Wechselduschen helfen dem Organismus, sich an Umwelteinflüsse zu gewöhnen. Wie meistens, ist auch eine gesunde Lebensweise (Bewegung, ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf usw.) von Vorteil.
Wem alles nicht hilft, sollte einen Umzug in Betracht ziehen. Bei der Auswahl eines bioklimatisch sinnvollen Wohnorts bieten die Bioklimakarte und die individuelle Bioklimaberatung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) Anhaltspunkte.
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