Logo Press'n'Relations

Handelsblatt

08. May 2002

Ausgabe 22.05.2002

Die Kommunikationsbremse im Energiemarkt

Warum der Datenaustausch im liberalisierten Markt immer noch nicht funktioniert

„Ein Unternehmen, das das Thema

Energiedatenmanagement nicht beherrscht,

ist zum Scheitern verurteilt“, das Urteil von

Praktikern wie Ronnie Götze,

Fachbereichsleiter Zählerwesen bei der

Dresdner DREWAG ist eindeutig. Für einen

funktionierenden Energiemarkt ist es

unumgänglich, dass die Daten zwischen den

Marktteilnehmern elektronisch und vor allem

automatisiert ausgetauscht werden können.

Dazu gehören entsprechende professionelle

Softwarelösungen ebenso wie eine

„gemeinsame Sprache“, also

Standardformate für den Datenaustausch, wie

sie in anderen Branchen beispielsweise auf

Basis von EDIFACT längst selbstverständlich

sind. Umso unverständlicher, dass immer

noch große Teile der Energiewirtschaft vom

Glauben beseelt zu sein scheinen, mit Hilfe

eines Programms für die Tabellenkalkulation,

mit Excel, sämtliche Aufgaben des

Managements von Energiedaten lösen zu

können – inklusive eines sicheren und

geregelten Austauschs von Daten. Dieser

Glaube ist offensichtlich so stark, dass sich

selbst das Bundeswirtschaftsministerium

und die Verbände davon beeinflussen lassen,

und in ihrem „Best-Practice-Ansatz“ für den

Austausch der Kundendaten beim Wechsel

des Lieferanten auch ein Excel-kompatibles

Format empfehlen – neben den

Industriestandards EDIFACT und XML.

Wie viele Mitarbeiter von Energieversorgern

immer noch damit beschäftigt sind, Daten in

Excel-Tabellen einzugeben, zu pflegen und zu

versenden, lässt sich nur schwer abschätzen.

Ihre Zahl dürfte aber leicht in die

Zehntausende gehen. Gerne werden in der

Branche Geschichten kolportiert, wie die über

einen großen Energieversorger, bei dem im

Foyer eigens Trennwände aufgestellt werden

mussten, um dort Platz für neue Excel-

Arbeitsplätze zu schaffen. Die Gründe für

diese Excel-Manie sind vielfältig. Während

kleinere Stadtwerke schlichtweg die Kosten

der Einführung eines Systems für das

Energiedatenmanagement (EDM) scheuen,

kommt es anderen durchaus entgegen, dass

die Kommunikation nicht funktioniert. Denn

sie sehen ihr angestammtes Netzgebiet

immer noch durch die alte Monopolistenbrille.

Wettbewerb ist für sie etwas, das man besser

draußen hält. Und wieder andere warten

schlichtweg ab, weil sie sich beispielsweise

für das System der SAP entschieden haben.

Das Problem: dieses EDM-System kommt

sehr spät, erst in diesem Jahr haben erste

Pilotkunden mit der Einführung begonnen.

Dabei gibt es längst Alternativen:

Softwaresysteme für das

Energiedatenmanagement, die nicht nur

längst in der Praxis funktionieren, sondern

sich auch unterhalten können, also eine

„gemeinsame Sprache“ sprechen. Dass dies

funktioniert, dafür sorgt die EDNA-Intitiative.

EDNA steht für „Energie, Daten, Normen und

Automatisierung“ - und dieser Name ist

Programm. Insgesamt 44 Softwarehäuser

und Unternehmensberatungen haben sich

hier mit dem Ziel zusammengeschlossen, die

Geschäftsprozesse zwischen den

Markteilnehmern im Energiemarkt zu

automatisieren und ihre Softwarelösungen

entsprechend auszubauen. Und obwohl sie

im Alltag untereinander im Wettbewerb

stehen, haben sie bereits gezeigt, dass sie

auch zusammenarbeiten können, und vor

allem: dass der Datenaustausch funktioniert.

So wurde dieser Austausch beispielsweise

schon im Herbst 2001 anlässlich einer

Fachtagung des VDEW live demonstriert.

Über 20 Softwaresysteme hinweg wurden

Energieverbrauchsdaten und Fahrpläne

ausgetauscht. Und auch der

Lieferantenwechsel wird, so wie von den

Verbänden und dem

Bundeswirtschaftsministerium im April

verabschiedet, bereits von ersten Systemen

unterstützt.

Dass es vor diesem Hintergrund immer noch

Energieversorger gibt, deren Mitarbeiter Excel-

Tabellen pflegen, verwundert schon. Vor

allem wenn man sieht, dass andere

Unternehmen das Thema EDM längst auch

als ein strategisches Thema erkannt haben,

mit dem sich Vorteile im Wettbewerb erzielen

lassen. Denn die Zahl der

Vollstromversorgungsverträge nimmt ab, und

die Stadtwerke müssen zunehmend aktiv am

Markt agieren, um so den Strom

entsprechend günstig einkaufen zu können.

„Um den Energie-Einkauf optimieren zu

können brauchen Sie ein aktives

Portfoliomanagement. Und das baut auf einer

Vielzahl von Daten auf. Allein mit Excel können

sie diesen Prozess deswegen nicht

abbilden“, so Frank Baumann, EDV-Chef bei

den Stadtwerken Meiningen. So müssen hier

aus den Verbrauchsdaten, die sowohl aus

dem eigenen Versorgungsgebiet als auch

aus denen anderer Netzbetreiber bis zum

frühen Vormittag eintreffen, sofort Prognosen

für den Bedarf des nächsten Tages erstellt

werden. Diese Prognosen sind dann Basis

für den Stromeinkauf, beispielsweise an der

Leipziger Strombörse LPX, der bis 12.15 Uhr

über die Bühne gegangen sein muss.

Danach müssen dann die entsprechenden

Fahrpläne erstellt und an die

Bilanzkreisverantwortlichen übermittelt

werden. Solch ein Prozess lässt sich ohne

enge Integration und Automatisierung der

Abläufe kaum bewältigen. Andere Stadtwerke,

wie etwa die Neubrandenburger Stadtwerke,

gehen noch weiter. Sie wollen EDM-Systeme

künftig nicht nur für sich selbst nutzen,

sondern auch als Dienstleister auftreten, der

das Energiedatenmanagement für andere

Stadtwerke mit übernimmt.

Uwe Pagel